CV

Gusztáv Hámos bearbeitet in seinem Werk intermediale Themen von räumlicher und zeitlicher Wahrnehmung bis zur „Zeitgräberei“. Er verbindet Theorie und Praxis als Forschung im Grenzbereich der Medien. Seit Mitte der 1970er Jahre arbeitet er an der Schnittstelle von Fotografie, Film, Video und Installation, seit den 1990er Jahren auch mit Holografie und virtuellen Räumen. Die konzeptuellen Fotoserien „Die Kritik der Sozio-Fotografie (Montagestudie 1975)“ und die „Sphärischen Panoramatableaus: Vogelhaus“ (1977) markieren den Beginn seiner künstlerischen Forschung.

Die Zweikanal-Videoarbeit „Seins Fiction“ (1980) thematisiert parallele Realitätsdarstellungen in ost- und westdeutschen Medien während des Kalten Krieges sowie Hámos’ Flucht aus Ungarn nach West-Berlin. Fernsehbilder nutzt er als „audiovisuelle Readymades“ im Sinne Duchamps und entwickelt daraus komplexe Installationen und essayistische Filmformate über Erinnerung und Geschichte. Ein zentraler Schwerpunkt seines Werks ist die kritische Reflexion historischer Prozesse und ihrer medialen Vermittlung. Im Essayfilm „Die Revolution im Fernsehen“ (1989–1991) untersucht Hámos die Beziehung zwischen den politischen Umbrüchen von 1989 und deren Darstellung im Fernsehen. Die Fernsehbilder der europäischen Wende kontrastiert er mit dem Alltag seiner Großmutter in Ungarn.

In den 1990er Jahren entwickelte Hámos u.a. die interaktive Installation „Berlin Viewfinder“, die Sequenzen aus Walter Ruttmanns „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) in stereografische Hologramme übertrug und Bildräume der 1920er und 1990er Jahre überlagerte.

Seit 2000 experimentiert Gusztáv Hámos gemeinsam mit Katja Pratschke mit dem Stillbild im kinematografischen Kontext und untersucht das Verhältnis von Stillstand und Bewegung. Es entstanden die Stadtfilme „Hidden Cities“ (2012), „Potential Space“ (2014) und „Territories & Occupation“ (2019) sowie die Publikation „Sample Cities“ (2014). Die Arbeiten zeigen Verdichtungen urbaner Erfahrungen, geprägt von Krieg, Diktatur und Katastrophen. In „Fremdkörper“ (Installation, Film, Buch) untersucht das Künstlerduo die Grenze zwischen Körperinnerem und Körperäußerem, zwischen bewegten und unbewegten Bildern sowie zwischen Fotografie und medizinischer Bildgebung. „Rien ne va plus“ (2005, Premiere beim Filmfestival Venedig) ist als Zeitkristall konstruiert, in dem Licht und Zeit gebrochen werden. „Seil (Rope – A Dead Man’s Dream)“ (2016) zerlegt Ambrose Bierces Bürgerkriegserzählung „An Occurrence at Owl Creek Bridge“ und rekonstruiert sie mit Cycloramen, Chronofotografie und digitalen Verfahren.

Hámos’ erklärtes Ziel ist es, Vergangenheit nicht nur zu dokumentieren, sondern als erfahrbaren Prozess zugänglich zu machen. Die ortsspezifische Installation „Übergänge. Schwelle zur Hölle“ (2019–2021) in der Gedenkstätte Sachsenhausen reflektiert poetisch den Übergang zwischen Überleben und Vernichtung. Im Rahmen von „SPUR.lab“ (2022–2023) entwickelte Hámos gemeinsam mit Katja Pratschke neue narrative Formen zur Darstellung der NS-Zeit. Das VR-Projekt „Black Box“ ermöglicht eine interaktive Annäherung an die Gewaltgeschichte des KZ Oranienburg.Die Arbeit „The Bush On Fire“ (2022) setzt sich mit politischen Dimensionen öffentlicher Denkmäler auseinander. Das Projekt „Innenansichten“ (Work in Progress, 2027) zeichnet die Erinnerungen ungarischer Frauen nach, die das KZ Ravensbrück überlebten.

Gusztáv Hámos’ Werk verbindet ästhetische Forschung mit gesellschaftlicher Relevanz und eröffnet neue Perspektiven auf Erinnerung und Geschichte. Er ist Gründungsmitglied der Concrete Narrative Society e.V.